Zyklisch leben: Ayurveda Frauenheilkunde

Nach dem Vorbild der Natur gibt es Zeiten der Aussaat, des Wachstums und Reifens und schliesslich folgt die Ernte. In unserer linearen Erfolgsgesellschaft wollen wir aber tagaus, tagein gleich funktionieren. Wenn wir unser Leben im Einklang mit den wechselnden Zyklusphasen ausrichten, werden wir langfristig mit mehr innerer Ruhe und Wohlbefinden beschenkt. Das Bewusstsein, dass wir nicht jeden Tag auf der Überholspur Vollgas geben können, schafft einen liebevollen Rahmen, es bringt mehr Gelassenheit und vor allem wesentlich mehr Selbstliebe.

Die Natur durchläuft vier Jahreszeiten und auch der Mond und die Gestirne verändern sich in Etappen. Durch den weiblichen Menstruationszyklus werden wir Frauen monatlich an den Kreislauf der Natur erinnert, unser Leben wird u.a. von folgenden 4 Zyklen mitbestimmt:

  • Menstruationszyklus
  • Mondzyklus
  • Tages- und Jahreszeitenzyklus
  • Lebenszyklus

Frauen unterliegen der passiven Mondenergie, dem Yin-Prinzip. Unserem Naturell entspricht es, dass wir unser Handeln mehr von den Gefühlen und der Intuition leiten lassen. Das weibliche Prinzip ist empfänglich, passiv und dem «sein» zugeordnet. Während der männliche Gegenpol der aktiven Sonnenenergie entspricht und mehr im Aussen und im «tun» fungiert. Unsere heutige lineare Erfolgsgesellschaft ist aber hauptsächlich durch und den Verstand gesteuert. Wenn wir uns vorrangig an den äusserlich messbaren Erfolgen orientieren, zehrt das langfristig an den inneren weiblichen Ressourcen. Die Weiblichkeit folgt dem schöpferischen Prinzip, sie ist nährend und steht für Kreativität und Fülle. In der Natur braucht es aber immer einen Ausgleich der beiden Pole – der männlichen Urkraft mit dem weiblichen Schöpferprinzip. Ying & Yang – das eine kann ohne das andere nicht bestehen. 

Zyklisch zu leben heisst für eine Frau zu wissen, in welcher Menstruations-Phase ich mich befinde – es bedeutet den spezifischen Bedürfnissen Raum zu geben und seine Empfindungen bewusst wahrzunehmen.   

Dann verstehen wir plötzlich warum sich die «innere Kritikerin» nun so lautstark meldet, oder weshalb wir an manchen Tagen verletzlicher sind oder das Bedürfnis nach Rückzug verspüren. Auch unsere produktiven und kreativen Phasen, wenn wir sozusagen «im Saft sind», können wir bewusster erleben, wenn wir unser Handeln und Tun den zyklischen Veränderungen anpassen. 

Der Menstruationszyklus im Ayurveda – Nutze die Energien jeder Dosha-Phase 

Ayurveda lehrt uns, wie wir in Einklang mit der Natur leben. Wobei «Natur» nicht nur die äussere Umwelt betrifft, sondern es geht auch immer um die Harmonie mit der «inneren Natur» und auch der psycho-emotionalen Ebene eines Menschen. Dieser ganzheitliche Ansatz, der sowohl die feinstoffliche Ebene wie auch die körperliche bzw. materielle Ebene berücksichtigt, macht den Ayurveda zu einer so tiefgreifenden Lehre und einem hilfreichen Kompass im Leben.  

VATA – das luftige – vom ersten Tag der Blutung bis ca. Tag 5-6

KAPHA – das erdende – vom Ende der Blutung bis zum Eisprung

PITTA – das feurige – rund um den Eisprung (+/- Tag 15) bis zum Start der nächsten Menstruation

Nach der Menopause, wenn die Blutung als innerer Kompass fehlt, kann man sich an den Phasen des Mondes orientieren. Neumond- bzw. Vollmontage sind ideale Zeitfenster für Fasten- bzw. Reinigungstage. Denn viele Frauen erfahren einen verlangsamten Stoffwechsel, wenn die Menstruation als natürlicher Reinigungsprozess im Körper ausbleibt. 

1. Die Zeit der Blutung: VATA – Herbst/Winter – Neumond

Vata ist windig, kühl, leicht und luftig – die Energie zieht sich aus der Natur zurück. Vergleichbar mit dem Herbst, wenn die Bäume die Blätter verlieren ist es die Zeit der Innenschau. Jetzt brauche ich Ruhe – Zeit für mich. 

Der Übergang in den Herbst ist für viele Frauen eine der anstrengendsten Phasen, schliesslich hat der Herbst auch immer etwas mit Wehmut zu tun. Die Regelblutung ist ein tiefgreifender natürlicher Reinigungsprozess und zahlreiche Frauen leiden bereits kurz vor der Blutung an PMS oder fühlen eine innere Unruhe. 

Vata ist eine bewegte Energie, ihre wichtigste Unterart «Apana Vata» ist eine abwärts bewegende Kraft die u.a. bei der Ausscheidung von Abfallprodukten aus dem Körper aber auch für den freien Fluss der Menstruation wichtig ist. Ein stabiles Apana Vata schenkt uns Gelassenheit und Vertrauen in die natürlichen Prozesse. Wird dieser Energiefluss durch zu viel Aktivität gestört, kann es zu Beschwerden wie z.B. Krämpfen im Darmbereich, Unterleibsschmerzen oder Verstopfungen kommen. 

Alle Vata-senkenden Massnahmen z.B. Wärme, Ruhe, Comfort-food, erdende Suppen und Eintöpfe oder eine Tasse Süssholztee können kurz vor und während der Menstruation Linderung bringen. In dieser Phase sollten wir in den Rückzug gehen, uns nach innen kehren. Stress, körperliche Anstrengungen oder zu viel Aktivitäten gilt es nun möglichst zu meiden. Damit wir vom vielen geben und tun langfristig nicht ausbrennen, ist es sehr ratsam, um sich in dieser Mondphase eine Pause und Zeit für die Regeneration zu gönnen. Bereits fünf Minuten Beine hoch und eine Tasse Tee, sind schon besser als keine! Es ist wahrlich eine hohe Kunst, um diese Zyklusphase anzunehmen und sich darauf einzulassen. Die Reinigungsphase ist auch eine Zeit der Erneuerung – wir sind offen und empfänglich für neue Ideen und mit unserer inneren Quelle der Kreativität verbunden. 

2. Ende der Blutung bis zum Eisprung: KAPHA – Frühling – zunehmender Mond 

Kapha ist strukturgebend und aufbauend, die Elemente Wasser und Erde sind nährend fruchtbar und lassen wachsen. Kapha ist dem Prinzip der Weiblichkeit zugeordnet. Meistens spüren wir in der ersten Zyklushälfte viel Vitalität und Energie, wir ruhen in uns. 

Vergleichbar mit dem Frühling in der Natur, kehren auch in uns die Lebenssäfte zurück, es ist eine aufbauende Phase, in der sich der Körper regeneriert, der Mond nimmt zu. In dieser Zeit wächst die Gebärmutterschleimhaut und bereitet sich auf eine eventuelle Schwangerschaft vor. Alles was wir aus der kreativen Vata-Phase mitgenommen haben, können wir nun Form und Struktur geben. Wir sind wieder offen für Impulse von der Aussenwelt und haben mehr Kraft, um vielleicht auch unerledigte Dinge abzuarbeiten. 

Frauen, die bereits einen hohen Kapha-Anteil haben, können in dieser Phase auch in eine Art Starre verfallen – häufig leiden sie an Wasseransammlungen im Körper oder einem langsamen Stoffwechsel. Es entsteht ein Gefühl von Schwere oder Lethargie, dumpfe Gedanken oder ständige Müdigkeit kommen auf. 

Eine leichte und vollwertige Ernährung, angereichert mit scharfen Gewürzen sowie Bitterstoffen aus grünem Blattgemüse und Kräutern wirkt balancierend auf das Kapha-Dosha. Durch sportliche Betätigungen oder Spaziergängen an der frischen Luft bringen wir den Stoffwechsel auf Hochtouren. Die körpereigene Entgiftung können wir durch (Bürsten-) Massagen oder durch zusätzliches schwitzen unterstützen. 

3. Rund um den Eisprung bis zur nächsten Menstruation: PITTA – Sommer – Vollmond/abnehmender Mond

Die zweite Zyklusphase beginnt rund um den Eisprung und hält bis zum Start der nächsten Menstruation an (in der Regel zwischen dem 11.-16. Tag nach der letzten Blutung). Viele Frauen spüren den Eisprung mit leichten Schmerzen oder einem Ziehen im Unterleib. Ebenso wie auch der Vollmond ist der Eisprung ein Wendepunkt.

Vergleichbar mit dem Midsommer erleben wir unser Hoch – Pitta ist heiss, transformativ und eine zielgerichtete Energie. Es ist eine Powerphase, die Zeit, um produktiv zu sein um Lust, Leidenschaft und Fülle zu leben. In dieser Phase verspüren wir mehr Schwung und Energie, es fällt uns leichter nach aussen zu treten und auch uns selbst ins Licht zu rücken. 

Frauen, die bereits einen relativ hohen Pitta-Gehalt in ihrer Grundkonstitution haben, oder die sich in der mittleren (Pitta-) Lebensphase befinden, kann es nun schnell mal zu heiss werden. Zahlreiche PMS Syndrom sind auf einen überhöhten Pitta-Gehalt zurückzuführen. In den sogenannten «Drachentagen» bekommen dann die Menschen um uns herum die überhitzten Emotionen zu spüren. Wenn Pitta gestört ist dann wird man überkritisch, man faucht, stampft oder explodiert wutentbrannt. Eine Überhitzung äusserst sich im Körpersystem oft mit Entzündungen, Hautreizungen oder einer Übersäuerung des Magens.  

Alle Pitta-besänftigenden Massnahmen und Lebensmittel können uns in dieser Phase unterstützen. Es hilft auch die Leber zu stärken indem wir Alkohol, Kaffee und alle säuernden Lebensmittel meiden. Hingegen kühlen Bitterstoffe, grünes Blattgemüse, Aloe Vera oder auch eine entspannende Meditation einen überhitzten Geist und Körper. 


Wie komme ich in meine weibliche Kraft? Lebe bewusst deinen Zyklus und nutze die darin verborgenen Energien.

Eine bewusste Ernährung, kombiniert mit einem angepassten Lebensstil kann uns Frauen unterstützen, um möglichst sanft durch die Menstruations- und Lebensphasen zu gleiten. Um mehr Bewusstsein für die einzelnen Zyklusphasen zu entwickeln, kannst du z.B. ein Tagebuch/Zyklusrad führen, mit kurzen Notizen wie du dich fühlst, was dich beschäftigt oder welche Gelüste du verspürst. Nach mehreren Zyklusphasen wirst du wahrscheinlich ein Muster erkennen und für deine inneren Bedürfnisse wachsamer wahrnehmen. 

TIPP: Josianne Hosner vermittelt in einer humorvollen und sehr sympathischen Art ihr Wissen über das zyklische Leben. Auf ihrer Webseite Quittenduft kann man solch ein Zyklusrad herunterladen. Ihr Buch „Back to the Roots – zyklisch leben mit immenser Freude“ erscheint Anfang November 2020 und ich weiss, dass es eine sehr inspirierende Quelle sein wird.

Wir Frauen nähren uns nämlich auch gegenseitig – «Sisterhood» – d.h. ein Austausch unter Freundinnen oder gleichgesinnten Frauen nährt uns auf allen Ebenen. Solche Zusammenkünfte gab und gibt es in vielen Kulturen, man denkt z.B. an orientalische Baderituale. 

Regenerationszeiten und Pausen, in denen wir die Batterien aufladen, sind immer der springende Punkt. In unserer hyperaktiven Erfolgsgesellschaft ist es jedoch nicht einfach, um in die Passivität zu gehen. Zeit in der Natur, ein Spaziergang im Wald, kreativ-künstlerische Projekte oder Meditationen schaffen Raum und fördern die Intuition. 

Zahlreiche typische Frauenleiden haben ihren Ursprung in einer Überdosis Pitta oder Vata (zu viel Stress, Multitasking, Doppelbelastung, Nervenschwäche, Schlafstörungen…) Wir Frauen sollten ständig diese erdende Kapha-Energie auf allen Ebenen nähren und in Harmonie bringen.  

Es gibt zahlreiche Achtsamkeits- oder Meditationsübungen die uns ganz bewusst mit Mutter Erde, der Urkraft und Quelle der weiblichen Shakti-Energie verbinden. Z.B. wenn wir mit einer langen und tiefen Ausatmung bewusst in den Körper spüren, Schwere in den Beinen fühlen und uns dann über die Füsse mit der Erde verbinden. 

Viele Lebensmittel, Gewürze und Kräuter sind speziell für uns Frauen förderlich, sie stimulieren den weiblichen Hormonhaushalt und nähren die Fortpflanzungsorgane. Die ayurvedische «Rasajana-Küche» nährt das Körpergewebe optimal und hat eine belebende Wirkung auf den ganzen Organismus. Bevorzugte Nahrungsmittel in dieser Küche sind z.B. Ghee, Honig, Mandeln, Pistazien, Avocado, Datteln, Sesam Kichererbsen oder auch Aprikosen und Mango. (Mehr dazu auch in diesem Beitrag im Blog)


DANKE, dass du bis hierhin gelesen hast! Der Beitrag wurde nun doch länger als ursprünglich geplant und ich habe das Gefühl, es gibt noch stets einiges was ich dazu mit dir teilen möchte…. Aloha, Daniela

Passend zum Thema findet am 29.11. (23.1.21 ausgebucht) und auch am 4.2.21 ein Koch-Workshop «Ayurveda für die Frau» statt.

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